Die erste Leipziger Trinitatiskirche wurde 1847 in unmittelbarer Nähe zur Altstadt errichtet. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bau schwer beschädigt, lediglich die Außenmauern und der Kirchturm blieben erhalten. Mit dem Versprechen auf einen Neuanfang für die Gemeinde in einer größeren Kirche wurde die Ruine 1954 gesprengt. Allerdings wurde Baugenehmigung danach durch die SED-Regierung zurückgezogen und das Baufeld durch die Stadtverwaltung beräumt.

Nach einigen Interimslösungen wurden die Pläne für eine zweite Trinitatiskirche erst Ende der 1970er Jahre wieder aufgenommen. Für den Neubau (nach Plänen der Bauakademie der DDR) wurde der Gemeinde ein ungünstig gelegenes Grundstück außerhalb der Leipziger Innenstadt zugewiesen. Hier entstand unter der Leitung von Udo Schultz bis 1982 ein unscheinbarer Zweckbau, der wegen schlechter Gründungsverhältnisse schon wenige Jahre später erhebliche Baumängel aufwies. Die kostspielige Reparatur wollte die Gemeinde nicht tragen, zumal sie in das Stadtzentrum zurückkehren wollte. 2008 trat sie mit der Stadt Leipzig über ein mögliches neues Baugrundstück in Verhandlung.

Unser Wettbewerbsbeitrag 2009: In prominenter Lage, zwischen der Höhendominante Neues Rathaus und dem Wilhelm-Leuschner-Platz, galt es einen Ort zu definieren, der sich respektvoll einfügt und entlang des städtischen Platzes sowie des Innenstadtrings eine deutlich wahrnehmbare Kante ausbildet. Der Unterschnitt im Erdgeschoss greift das Motiv des Leipziger Passagensystems auf und leitet von der Innenstadt in den Pfarrhof.

Die Silhouetten von Kirche und Rathaus definieren entlang der ansteigenden Topografie des Martin-Luther-Rings eine städtebauliche Torsituation. Sie markiert den Auftakt für die weitere Entwicklung des angrenzenden Stadtraums mit der S-Bahn-Station Wilhelm-Leuschner-Platz, dem künftigen Einheitsdenkmal und dem Areal Nonnenmühlgasse.

Mit dem „Ausgießen“ des dreieckigen Grundstücks und der Betonung der gegenüberliegenden Pole von Kirchenraum und Kirchturm spannt sich der Baukörper auf.

Zwischen den beiden Hochpunkten ist der Pfarrhof „eingeschnitten“, ein neuer zentraler Ort der Begegnung ist entstanden.

Erdgeschoss

1 Kirchenraum
2 Werktagskapelle
3 Sakristei
4 Pfarrhof
5 Gemeindesaal
6 Gemeindebüros

Obergeschoss

1 Luftraum Kirchenraum
2 Chor
3 Orgel
4 Unterrichtsräume
5 Priesterwohnungen

Mit seiner lichten Höhe von 14,50 Metern bildet der Kirchenraum den Rahmen für ein transzendentes Raumerlebnis. Indirektes Tageslicht, das durch das große Oberlicht in 22 Metern Höhe auf die Altarrückwand fällt, rückt den Altarraum in den Fokus.

Zur Überprüfung der Abmessungen wurde der Altarraum vorab simuliert und mit dem Bauherrn abgestimmt.

Ansgar blickt in das Kirchenraum-Modell, mit dem die Lichtführung getestet wurde.

Der aus Kuba stammende und in Los Angeles arbeitende Künstler Jorge Pardo (hier mit Ansgar auf der Baustelle) gestaltete die liturgischen Orte.

Die Werktagskapelle

1 Missionarische Gemeinde: Botschaft und Annäherung
2 Schwellenloser Altarraum für vielfältige Liturgieformen
3 Große Liturgie mit Empore und Kapelle
4 Einzug aus der Sakristei oder dem Hauptportal
5 Kreuzwegstationen im Boden eingelassen
6 Kirchenmusik mit Orgel und Chor
7 Tabernakel in separater Sakramentskapelle

Der Kirchenraum ist quergerichtet und ermöglicht ausreichend Platz für die Anordnung der Gemeinde in einem offenen Circumstantes, dessen optische und szenografische Mitte der Altarraum ist. Auf Abtrennungen wurde verzichtet, was den Altarraum für unterschiedliche liturgische Handlungsformen öffnet. Nur ein leichtes Gefälle umschließt den Altarraum, was optimale Sichtbeziehungen schafft. Der Altarraum ist über fünf Wege mit dem Portal und dem Taufstein, dem Aufstellort der Madonna, dem Kirchenfenster (zur Stadt), dem Tabernakel und der Kapelle verbunden.

Gegenüber dem großen Kreuz an der Altarrückwand ist ein zweites Kreuz als dessen negativer Abdruck in die große Wandfläche über der Empore eingeschnitten. Es öffnet den Kirchenraum zum Licht der tiefstehenden Westsonne.

Besonderes Element des Kirchenraumes ist das große Kirchenfenster (Künstler: Falk Haberkorn), das Neugierde weckt und die individuelle Annäherungen von außen erlaubt. Es öffnet und begrenzt den Kirchenraum zugleich und es dient als gezielt gesetzte Öffnung, als eine Schnittstelle zwischen profaner und sakraler Welt.

Das Tragwerkskonzept für die stützenfreien Orgel-Empore erarbeiteten wir gemeinsam mit den Tragwerksplanern Seeberger Friedl aus München.

1 Wandartiger Träger mit Auskragung Ostwand
2 Wandartiger Träger mit Auskragung Westwand
3 Nordwand und Trog Orgelempore eingehängt
4 Geschosshohe Brücke eingehängt

Der Gemeindesaal mit Blick auf das Neue Rathaus

Schöpfung aus dem Steinbruch: Mit der Fassade aus Rochlitzer Porphyr führen wir eine Bautradition der Stadt Leipzig (Altes Rathaus) und der Region fort (Benediktinerkloster zum Heiligen Kreuz in Wechselburg). Die horizontale Schichtung der unterschiedlich hohen Lagen verankert das Gebäude fest mit dem Grundstück und lässt es sinnbildlich aus dem Boden herauswachsen. Durch die Vor-und Rücksprünge dieser Schichtung wird die traditionsreiche regionale Baukunst in ein zeitgenössisches eigenständiges Gebäude von besonderem emotionalem Wert überführt.