Die bisherigen Botschaftsgebäude, hier die Ansicht von der Reisnerstraße, interpretierten die grüne Umrahmung mit ihrem eindrucksvollen Baumbestand als Vorgartenzone – ohne Verbindung zu den repräsentativen Außenbereichen der Botschaft.

In Wien wurde unser Entwurf lokaltypisch aufgenommen: „Ich kann’s nicht glauben! Die Ignoranz deutscher Bürokratie vollzieht tatsächlich den Abbruch eines der schönsten und besten Gebäude von Rolf Gutbrod, und die dummen, eitlen Architekten machen mit. Nicht mehr als eine sanfte Sanierung wäre notwendig gewesen. Jetzt kommt dafür eine wirklich banale Hütte, die der BRD, mitten im Wiener Botschaftsviertel, einfach nicht würdig ist!“ (Dietmar Steiner in BauNetz, 15.04.2016)

Der Neubau wird das Potential des Ortes besser nutzen. Als „grüne Insel“ im Häusermeer kann die Deutsche Botschaft jene Offenheit ausstrahlen, die ihren erweiterten kulturpolitischen Funktionen in Wien gerecht wird. Eine diplomatische Besonderheit ist der Verbindungstrakt zwischen der Kanzlei und der Residenz an der Reisnerstraße. Er ermöglicht flexible Übergänge zwischen den amtlichen und den privaten Bereichen der Botschaft.

Um Grünraum und Gebäude besser zu verknüpfen, treten die Baukörper zum Teil hinter die vorgegebenen Baulinien zurück. Sie gliedern das Grundstück in den Kanzlei-, den Visa- und den Residenzgarten, an der Nordseite entsteht ein Wirtschaftshof. Besucher und Mitarbeiter erreichen die Botschaft über die Pforte an der südlich verlaufenden Jauresgasse.

In der Beletage öffnet sich der Innenhof der Kanzlei zum Baumbestand. Damit entsteht oberhalb des Sockelgeschosses ein wettergeschützter Außenraum, der zusammen mit der Residenzterrasse den amtlichen Teil der Botschaft (Foyer, Empfangsraum, Musikzimmer, Bibliothek) und den Garten verbindet.

Um das Zusammenspiel weißer Körper zu betonen, erscheint uns Krastaler Marmor als Fassadenmaterial am besten geeignet. Dieser Stein ist äußerst wetterbeständig und wird in Kärnten abgebaut, wodurch das Gebäude seine enge Beziehung zur Republik Österreich auch nach außen abbildet.

Die Deutsche Botschaft in Brasília von Hans Scharoun war bei unserer Besichtigung 2011 noch im Originalzustand. Die heitere Wirkung ihrer Dachterrasse war ein Vorbild für die Beletage der Botschaft in Wien. Leider sind Sitzbänke, deren Rückenlehne als Absturzsicherung dienen, heute nicht mehr erlaubt.